Im Gottesdienst an Ostern sangen wir das Lied RG 486 „Der schöne Ostertag“ mit dem schönen Text von Jürgen Henkys. In der dritten Strophe heisst es da:
Muss ich von hier nach dort –
er hat den Weg erlitten.
Der Fluss reisst mich nicht fort,
seit Jesus ihn durchschritten.
Wär’ er geblieben, wo des Todes Wellen branden,
so hofften wir umsonst.
Doch nun ist er erstanden, erstanden, erstanden,
erstanden.
Ich erinnere mich, dass ich im letzten Jahr, als wir dieses Lied sangen weinen musste. Denn ich musste an meinen Vater denken, der kurz zuvor gestorben war. Zu frisch war noch der Schmerz, der an die Bilder des Textes rührte: Das Fortgehen, Loslassenmüssen eines geliebten Menschen, der Fluss der Zeit, der Tote und Lebende voneinander trennt, die Toten zurücklässt und die Lebenden weiterreisst.
Der Text enthält eine Referenz auf die Christophorus-Legende. Opfers, ein Riese, der nur dem mächtigsten Herrscher dienen wollte, fand überall in der Welt nur Herren, deren Macht begrenzt war und die irgendeinen anderen Herren fürchteten, wenigstens aber den Teufel. Doch selbst der fürchtete Gott, der die Last der Welt trage. Auf seiner Suche nach Gott riet ihm ein Einsiedler, der an einem grossen Fluss lebte, Menschen, die von hier nach dort wollten, über den reissenden Fluss zu setzen. Dort, so der Einsiedler, würde sich ihm Gott, wenn er nur geduldig sei, offenbaren. Und Offerus setzte nun Tag für Tag Menschen über das reissende Wasser. Eines Tages aber, er hatte sich schon niedergelegt, hörte er ein feines Stimmen, das rief: Offerus, Offerus, setze mich über. Draussen fand er ein Kind, das er auf die Schulter hob, bevor er in den Fluss stieg. Doch dieses Kind, so klein und zierlich es war, lastete auf ihm, als träge er die ganze Welt auf seinen Schultern. Fast schon riss ihn der Fluss weg und der Baumstamm, auf den er sich bei seinen Flussüberquerungen zu stützen pflegte, splitterte beinahe unter der unerwarteten Last. Da sagte das Kind auf seiner Schulter: Offerus, Du hast den gefunden, den Du gesucht hast. Ich bin der Christus, der die Last der Welt trägt. Weil Du mich heute getragen hast, sollst du hinfort Christophorus heissen, das bedeutet: Christusträger. Und mit Mühe erreichte Christophorus das andere Ufer, war aber nun zufrieden, dass der ihn gefunden hatte, den er gesucht hatte.
Ostern heisst für mich die Perspektive wechseln. Natürlich leben wir in einer Welt,. wo es genug Todesmächte gibt, wo Menschen, die wir lieben, durch den Tod von unserer Seite gerissen werden, wo wir selbst eines Tages sterben. Aber von Ostern her ist das nicht mehr entscheidend. Der Tod hat seine Macht verloren. Er reisst uns nicht mehr fort. Wir spüren, dass wir die Hoffnung annehmen, tragen können, aber wie Christopherus tragen nicht wir die Hoffnung, sondern die Hoffnung trägt uns und andere. Wir können Christophorus werden, Träger der Hoffnung Jesu Christi, Hoffnungsträger im wahrsten Sinne des Wortes. Und wie sich bei den Jüngern der Schrecken der Kreuzigung in die überraschende Freude der Auferstehung, eine ganz neue Hoffnung umkehrte, können wir auch spüren, dass wir zwar Hoffnungsträger werden, aber die Hoffnung am Ende uns trägt und nicht wir sie.
Pfarrer Uwe Hayno Klaas Tatjes