#Wochentext 16/2026: Schatzsucher

Publiziert am 12. April 2026


In dieser Woche sind wir mit unseren Konfirmandinnen und Konfirmanden im Konflager in Lützelflüh. Neben kreativem Programm und dem Vorbereiten des Konfirmationsgottesdienstes werden wir an einem Tag auch im Napfgebiet Gold waschen und hoffentlich auch etwas finden. Ob es ein grosser Schatz sein wird? Oder doch eher ein paar Flitter Gold, die bestenfalls als Erinnerung an ein Abenteuer dienen?
Das Thema, das uns im Konflager Leuten wird heisst: „Träume und Ziele“.
Wir Menschen haben ja einen grosse Sehnsucht, einen Schatz zu finden, viele träumen davon, im Lotto zu gewinnen, auf jeden Fall wenigstens, das grosse Glück auf einen Schlag zu finden. Und fast jeder hat das Ziel reich und sorgenfrei zu werden.
Da fällt mir die Geschichte von Eisik ein: Eisik, war ein armer Handwerker, der in der polnischen Königsstadt Krakau lebte, mehr schlecht als recht, denn wie sehr er sich auch anstrengte, er schaffte es kaum, seine Familie zu ernähren. Sie lebten in großer Not, die aber sein Gottvertrauen nicht erschüttern konnte. Tag für Tag bat er den Herrn der Welt um ein Wunder, es mussten ja keine großen Wunder sein wie bei Moses und dem Auszug aus Ägypten, aber ein ganz kleines wenigstens!
Da träumte er eines Nachts von einer fremden, prachtvollen Stadt, und hörte eine Stimme: „Eisik ben Jeckel, mach dich auf nach Böhmen in die große Hauptstadt Prag…“ Da erwachte Eisik, er erinnerte sich an jedes Wort, doch vergaß er im Laufe des Tages den seltsamen Traum.
In der nächsten Nacht träumte er den gleichen Traum und hörte die Stimme noch eindringlicher als beim ersten Mal: “Eisik ben Jeckel, verlass dein Heim und geh nach Prag, dann wirst du einen großen Schatz finden!“ Doch Eisik sagte sich: „Es ist nur ein Traum, wegen dem lässt man doch nicht alles stehen. Es ist ein weiter Weg von Krakau nach Prag – ich bin doch nicht verrückt!“
In der folgenden Nacht lief er im Traum durch die Gassen der fremden Stadt, die wohl  Prag sein musste, zu einer langen, mit vielen Figuren geschmückten Brücke, die über einen breiten Fluss führte, auf dessen anderer Seite auf dem Berg ein Palast zu sehen war. Und wieder hörte er die Stimme: „Eisik ben Jeckel, geh nach Prag und grabe unter der steinernen Brücke, die zum Königspalast führt, dann wirst du einen großen Schatz finden!“
Als er schließlich den Platz unter einem Bogen am Ufer wiederzuerkennen glaubte und zu graben begann, legte sich eine schwere Hand auf seine Schulter und eine laute Stimme sagte streng: „He, Jude, was machst du da?“ Als er aufsah, stand vor ihm der Hauptmann der Wache. In seinem Schreck fiel Eisik nichts anderes ein, als die Wahrheit zu sagen, und so erzählte er ihm von seinem Traum.  
Der Hauptmann fing schallend zu lachen an. „Wegen eines Traumes bist du einen so weiten Weg gegangen? Wie kann man nur so dumm sein, an Träume zu glauben? Wäre ich so ein Narr wie Du, wäre ich schon längst in deiner Heimatstadt Krakau! Mir hat nämlich geträumt, ich wäre in Krakau im Hause eines Juden namens – Isaak…Itzik ben Jankel, oder Eisik ben Jeckel, und würde dort hinter dem Ofen ein Loch graben. Was ich dort gefunden habe? Einen Schatz natürlich – was man eben so findet, wenn man im Traum nach etwas gräbt. Aber ich bin doch nicht so verrückt, dass ich deswegen nach Krakau in die Judenstadt gehe, wo die Hälfte aller Juden Eisik heißt und die andere Jeckel! Da hätte ich ja alle Häuser niederreißen müssen, nur um in Dreck und Asche zu wühlen!“
Als der Brückenwächter endlich aufgehört hatte zu lachen, befahl er Eisik, schleunigst dahin zu verschwinden, wo er hergekommen sei. Eisik ließ sich das nicht zweimal sagen, verneigte sich höflich und machte sich auf den Heimweg.
Nach Krakau heimgekehrt, grub er ein tiefes Loch hinter seinem Ofen und stieß schließlich unter Schutt und Asche auf einen alten Eisentopf, der bis zum Rand mit Gold- und Silbermünzen gefüllt war. Es war genug Geld, um seine Familie gut zu versorgen, den Armen zu helfen und ein Lehrhaus zu bauen, das seinen Namen trug und das noch viele Jahre lang das Licht des Wissens verbreitete.

Ich entnehme dieser Geschichte, dass der Schatz nicht immer dort ist, wo wir ihn vermuten. Und dass wir keine Schätze finden, wenn wir nicht auf unsere Träume hören und neugierig bleiben. Manchmal werden wir vielleicht erst nach langer Suche entdecken, dass der Schatz in uns oder anderen verborgen war. Nie weit weg von uns. Aber erst aus der Distanz entdeckt man oft erst das, was einem nahe geht und wichtig ist. In diesem Sinne lasst uns Schatzsucher sein.