#Wochentext 19: Alles Zufall? Oder: Bruchstellen des Universums

Publiziert am 3. Mai 2026

Warum hier und nicht woanders – und warum überhaupt

Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, warum Sie überhaupt da sind? Ich meine, wenn Sie aus einer kinderreichen Familie stammen, was wäre, wenn Ihre Mutter schon beim vorherigen oder vorvorherigen Geschwister gesagt hätte: Schluss, aus. Ich kann nicht mehr. Keine weiteren Kinder. Wenn Ihr Vater oder Ihre Mutter an dem Tag (oder der Nacht) Ihrer Zeugung keine Lust oder einfach Migräne gehabt hätte? Was wenn Ihre Frau Mama dem Werben eines anderen Mannes nachgegeben hätte oder die Spermien Ihres Vaters sich woanders auf Wettrennen begeben hätten?

Und überhaupt, warum sind Sie überhaupt hier geboren und nicht irgendwo in Afrika, in den Anden oder in einer asiatischen Grossstadt? Welchem Zufall haben Sie es zu verdanken, dass Sie gerade der oder die sind, die Sie heute nun mal sind?

Sind wir mehr als ein Zufall?

Wenn wir anfangen darüber nachzudenken, dann merken wir, dass unser Leben gar nicht so notwendig ist, wie es unserem Bewusstsein manchmal vorkommt und nicht mehr als ein Zufall in einem Universum aus Zufälligkeiten zu sein scheint.

Unser Bewusstsein gerät ob solcher Fragen an Grenzen und eine Bruchstelle tut sich auf zwischen der Selbstverständlichkeit, mit der wir uns wahrnehmen und der Zufälligkeit, die unser Leben inmitten des Universums darstellt.

Und doch gibt es in uns Menschen etwas, das hinausdrängt über das, was sowieso offensichtlich ist, was mehr ist als reine Materie und Ergebnis des Zufalls. Wir transzendieren, sagen die Philosophen. Wir fragen nach dem, was über uns hinausgeht.

Angesprochen und herausgerufen

Die Bibel fasst etwas davon in kurzen Worten zusammen:

Ich habe Dich bei Deinem Namen gerufen, Du bist mein“ (Jes 43, 1)

Dieser Satz ist wahrscheinlich einer, den man auch ohne grosse Bibelkenntnisse sofort versteht. Spricht er doch eine persönliche  Erfahrung an, dass wir uns als Menschen gerade darin selbst begreifen, dass wir Sprache und einen Namen haben, ansprechbar sind und andere(s) ansprechen können. In der Spannung von „Du“ und „Ich“ entsteht eine Sphäre des Personalen, die fern jedes Zufälligen dem Dasein etwas ganz Besonderes gibt.

Als Angesprochene werden wir gerufen, man könnte auch sagen, herausgerufen aus dem Wust der Koinzidenzen, im Angesprochensein manifestiert sich auch so etwas wie ein Ruf, ein Sinn, dem wir zustreben. Weil ich für jemand anderen wichtig bin, bin ich auch mehr als ein Zufall. Darin verborgen eine elementare Hoffnung: Es gibt inmitten der Zufälle, inmitten des Unberechenbaren ein Gegenüber. Aus dieser Sehnsucht und diesen Erfahrungen wächst auch die Religion.

Nicht persönlich gemeint, aber doch persönlich genommen

Diese Worte der Bibel werden von uns persönlich gehört. Aber ursprünglich sind sie an das Volk Israel im Exil gerichtet. Sie sind gesättigt mit historischen Erfahrungen, der militärischen Niederlage und dem Untergang Israels, der Verschleppung und dem Exil des Volkes. Sie schlagen einen Bogen von der Befreiungstat Gottes in Ägypten in die Gegenwart, wo Gott auch wieder aus der Knechtschaft des Exils befreien wird. Gott wird unter diesen Erfahrungen nicht nur immer klarer als Schöpfer des Ganzen, sondern auch als Lenker der Geschichte gesehen. Ausgehend von dem lokalen Gott, der sich Israel auserwählt und begleitet, weitet sich sein Begriff zu einem universalen Gott, der verlässlich ist und die Geschichte lenkt. Was das Volk im Grossen erlebte: Die Zuverlässigkeit, die persönliche Zuwendung Gottes zum Volk im Ganzen, das überträgt man dann auch wieder auf das eigene Leben. Woraus sich erklärt, dass diese Worte nicht persönlich gemeint waren, an einen oder eine Einzelnen/Einzelne adressiert waren, aber gleichwohl auch persönlich gehört und verstanden werden können.

Die Geschichte, mein Leben hat ein Gegenüber und ein Ziel.

Alles zwecklos

Solche Überlegungen haben ihren Charme und werden darum auch gerne persönlich angeeignet. Die moderne Biologie ist da manchmal unbarmherziger, weil sie uns sagt, dass das Leben zufällig entsteht, indem sich etwas Zweckmäßiges  aus Zwecklosem bildet. Darin verhält sich die organische Welt auch grundlegend anders als die anorganische, die mit Naturgesetzen beschrieben werden kann. Die Biologie beschreibt Leben als „organisierte Materie“ und bestreitet, dass es planvolles Handeln oder eine bewusste Zielorientierung bei der Entwicklung des Lebens gibt. Beispielhaft sei der Soziobiologe Eckhart Volland zitiert: „Das Leben auf diesem Planeten kennt kein Ziel und somit keinen Fortschritt – nur ein Bewusstsein, das aus den dargelegten Gründen die Fortschrittsidee pflegt.“ (Eckhart Voland, Die Fortschrittsillusion, http://www.spektrum.de/pdf/sdw-07-04-s108-pdf/868309?file) Das ist für die biologische Evolution sicherlich richtig, für die kulturelle Evolution scheint es mir aber zu kurz zu greifen. Kann man den Erkenntnisgewinn (man denke an Kunst ebenso wie an Naturwissenschaften, Technik ebenso wie Poesie) dieser kulturellen Evolution, die auf ganz verschiedenen Ebenen der Selbsterkenntnis und Reflexion der Evolution zuarbeitet, nicht verbinden mit der biblischen Vorstellung einer Schöpfung im Werden, einer Schöpfung, die sich weiterentwickelt, ihrer selbst bewusst wird?

Woher kommt das Ich?

Man könnte ja weiterfragen, wie in unserem Gehirn überhaupt eine Vorstellung vom Bewusstsein, das denkt, gebildet  wird – oder einfacher gesagt: wie das Gehirn eine Vorstellung über sich selber gewinnt. Eine schlüssige Antwort gibt es bis heute darauf nicht. Es ist vielleicht auch biblisch gesprochen – in Kritik des neuzeitlichen Individualismus im Sinne des „Ich denke, also bin ich“ – unmöglich, sich selbst quasi aus dem Nichts zu denken und zu entwerfen. Wer wir sind, wer „Ich“ ist, wer „ich“ bin, das kann der Mensch kaum selbst beantworten.

And in the End… [1]

Damit kommen wir zurück zu dem Angesprochensein, das den Menschen als Menschen kennzeichnet. Indem der Mensch im Laufe seiner Entwicklung „Ich“ sagen gelernt hat und im Du einem anderen „Ich“ in seiner Unmittelbarkeit und zugleich völligen Andersheit begegnet, und sich in ihn hineinversetzen kann, ist in der Evolution des menschlichen Bewusstseins etwas entstanden, was diese vorfindliche Welt zu überschreiten scheint. Wir finden keinen Ort und keine Zeit, wo das Ich und das andere Ich, das Du, wirklich angesiedelt ist. Noch nicht einmal in uns selbst. So wie ich einfach da bin, hier und an diesem Ort, ist dieses Ich da.

So wie dieses „Ich“ und „Du“ an Grenzen stossen und gleichzeitig die Grenzen des Vorfindlichen überschreiten, markieren Sie eine Bruchstelle des Universums. Und so gewiss wir, wie alles Leben, auch dem Zufall unterworfen bleiben, so gewiss bin ich auch, dass es mehr als Zufall war, dass meine Mutter nicht beim zweiten Kind gestreikt hat und mein Vater keine Augen für andere Frauen als meine Mutter hatte. Dieses Leben, das mir als einmaliges Geschenk zugefallen ist, kann nicht nur zufällig sein. Oder wie es die Bibel sagt: „Ich habe Dich bei Deinem Namen gerufen, Du bist mein“ (Jes 43, 1)

Ich gebe zu, das war jetzt für einen Wochenanfang recht philosophisch. Aber das muss auch mal sein. 🙂

Herzliche Grüsse, euer Pfarrer Uwe Tatjes

[1] The Beatles: And in the End/ the Love you take/ is equal/ to the Love/ you make.