Es macht sich eine tückische Stimmung breit im Lande. Zugegeben, wir leben in schwierigen, um nicht zu sagen chaotischen Zeiten, alte Gewissheiten zerstieben fast täglich, man weiss nicht mehr so recht, wer noch Freund und wer Feind ist, unsere Gesellschaften sind oft schon über einfachste Fragen sehr gespalten, Krieg als Mittel der Politik ist plötzlich wieder hoffähig und Politiker scheinen irgendwo zwischen. grössenwahnsinnig und leichtfertig zu agieren. Da kommt bei vielen plötzlich die Sehnsucht nach der „guten alten Zeit“ auf. Nostalgie wird zum Mittel der Politik und von Populisten jeglicher Couleur gerne genutzt, um auf Stimmenfang zu gehen. Dazu wird natürlich auch gerne mit der Angst gearbeitet, obwohl Angst zwar ein wichtiges Warnsignal, aber immer ein schlechter Ratgeber ist.
Da hört und liest man davon „dass man sich sein Land zurückholen“ wird, dass es jetzt nur noch um „America first“ oder „Deutschland – nur normal“ geht. Und auch in der Schweiz grüsst von allen Plakatwänden eine Bilderbuchschweiz wie aus den Heidifilmen und es wird suggeriert, wenn wir jetzt nur die richtige, eine Entscheidung treffen, dann bekommen wir die „gute alte Zeit“ und eine Schweiz, „wie sie einmal war“ zurück (gibt es ein Fundbüro für verlorene Gefühle oder Zeiten?) und wundersamerweise werden wir alle mehr verdienen und weniger Miete zahlen (rein wirtschaftlich zwei Tatsachen, die sich eher ausschliessen, es sei denn alle Vermieter werden zu barmherzigen Samaritern), in halbleeren Zügen mit angenehm viel Platzangebot fahren (ich schreibe das jetzt in einem Zug zur besten Zeit und auf einer Hauptstrecke, mir gegenüber sitzt niemand und auch vor mir, hinter mir, neben mir entdecke ich noch überall freie Plätze) und staufrei von St. Gallen nach Genf über die Autobahn brausen. Zugleich werden all jene Kreisen, die in den letzten Jahren den Naturschutz aktiv blockiert haben, plötzlich ebenjenen entdecken und behutsam mit unserer wunderbaren Schweizer Natur umgehen. Eine Nachhaltigkeitsinitaitive eben. Man verzeihe mir die Ironie
Ich will das Gefühl vieler Menschen, das auch hinter dieser Initiative steht, gar nicht kleinreden. Die Schweiz war und ist erfolgreich, sie ist gewachsen und leider zieht der Erfolg auch immer Menschen an, Migration hat auch viel am Schweizer Erfolg der letzten Jahrzehnte mitgebaut. Das Land ist gewachsen und hat sich verändert. Das spüre selbst ich. Zwischen meiner Studienzeit in den Schweiz in den Neunzigern und der Schweiz, in die 2012 zurückkehrte gibt es unübersehbare Unterschiede. Ich würde sagen, aus meiner subjektiven Sicht ist die Schweiz schneller, bunter, lauter, manchmal auch anstrengender geworden. Vieles hat sich polarisiert, Kompromisse scheinen nicht mehr so selbstverständlich dazugehören, wie es einmal war. Dennoch erlebe ich sie immer noch als ein sehr ruhiges, angenehmes, friedliches, ehr gut organisiertes Land, in dem ich gerne lebe. Natürlich bringen Wachstum und Migration auch Probleme mit sich. Und es ist völlig berechtigt, diese anzusprechen und nach Lösungen zu suchen.
Nur fällt es mir schwer zu glauben, dass radikale Lösungen, die für ein komplexes Problem nur einen Grund sehen, uns weiterbringen. Mit sorgfältiger Betrachtung der Auswirkungen solcher Massnahmen fällt es mir noch schwerer, zu glauben, dass ausgerechnet Abschottung und Frontstellungen die Probleme, die wir spüren.lösen. Meine Sorge ist, dass sie sich vielmehr noch verschärfen. Zunächst sollte man eine ehrliche Debatte darüber führen, welchen Preis Fortschritt und Wachstum haben und welchen Preis wir dafür zu zahlen bereit sind. Dann muss aber auch die Debatte darüber geführt werden, welchen Preis eine Abschottung und Konflikte mit der EU mit sich bringen und ob wir wirklich bereit sind, diesen zu zahlen. Unser Wohlstand und die Schönheit des Landes, das Glück, das die Schweiz neben viel Fleiss auch immer wieder hatte, sowohl im Blick auf Erfolge als auch auf grosse Katastrophen, könnte uns verleiten, zu glauben, wir wären immer auf der Sonnenseite des Lebens und hätten eine Sonderstellung.
Die Nostalgie, die Gefühle können dabei tückische Ratgeber sein. Denn die Nostalgie könnte man dabei als einen Ausgleich empfinden, für etwas, das nicht mehr so erlebt oder empfunden wird wie es einmal war oder gewünscht wird. Nostalgie gleicht also eine Schieflage aus zwischen etwas, das man man unbefriedigend empfindet und etwas, was man sich wünscht und vermisst. Nostalgie korrigiert also, was wir als schief empfinden, Das Problem ist, dass dabei oft das Vergangene verklärt wird und das Ganze sentimental daherkommt, also mehr von Gefühlen als echtem Nachdenken geleitet. Gefühle allein sind aber immer ein schlechter Ratgeber. Die Nostalgie ist eng verwandt mit dem Heimweh, das als Phänomen ja zuerst bei im Ausland stationierten Schweizer Söldnern beschrieben wurde, die sich nach der (oft verklärten) Heimat sehnten.
Auch die Bibel kennt dieses Phänomen, wenn sich das Volk Israel in der Wüste nach „den Fleischtöpfen Ägyptens“ zurücksehnt (2. Mose 16,3), obwohl wir aus der Bibel selbst wissen, dass die Nahrung aus billigem Fisch und Zwiebeln bestand und die Israeliten unterdrückte Arbeitssklaven waren.
Aus christlicher Sicht ist die Nostalgie nicht nur abzulehnen, weil sie unehrlich ist, weil sie verklärt, sondern weil sie auch wenig Vertrauen in Gott zeigt, der die Zukunft ist und sich gerade als Gott, der mitgeht, der vorangeht und der Neues erschliesst gezeigt hat. Weder Nostalgie noch Angst entsprechen dem christlichen Glauben. „Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich aus nach dem, was vor mir liegt, und jage auf das Ziel zu …“ (Philipper 3,13-14) heisst es bei Paulus. Wenn wir glauben, dass Gott die Zukunft ist, können wir uns weder ängstlich einschließen oder abschotten, noch uns über andere erheben oder nur an uns, unser Land etc. denken, sondern im Vertrauen auf Gott und die Zukunft, die er verspricht, nicht nur auf unsere Ängste und unsere Nostalgie hören, sondern besonnen und rational nach Lösungen suchen, die Zukunft öffnet und nicht uns von anderen und der Welt abschneiden. Das wäre wirklich nachhaltig. Und ehrlich.
Ich wünsche unserem Land die besten Entscheidungen, euer Pfarrer Uwe Tatjes