Letzte Woche im Zug von Bern nach Zürich: Neben mir lässt sich ein kräftiger Amerikaner in den Sitz fallen – so nah, dass sein Bein (leicht schweissnass) die ganze Fahrt an meinem klebt. Ich sitze schon am äussersten Rand, mehr geht nicht. Er steht kurz auf, kommt zurück, plumpst wieder in den Sitz – ich springe förmlich zur Seite. “Ah, Sie können also doch noch rücken”, meint er zu mir. Ich gebe trocken zurück: “Wissen Sie, wenn Sie so ein Bedürfnis nach Nähe haben, dürfen Sie sich auch gerne auf meinen Schoss setzen.” Seine Frau entschuldigt sich hinterher für ihren aufdringlichen Mann – und wir drei haben noch eine amüsante Unterhaltung.
Ungewollte Nähe ist unangenehm, das kennt jeder. Aber es gibt noch eine andere Art von Zu-nah-Kommen, die uns dieser Tage beschäftigt: in Diskussionen. Erst noch die Abstimmung über die Nachhaltigkeitsinitiative – das Land war so aufgeheizt wie selten, die Fronten verhärtet, kein Platz mehr zwischen den Stühlen. Erhitzte Diskussionen gab es auch am Familientisch und im Freundeskreis.
Vielleicht würde uns da gerade etwas mehr Abstand guttun. Nicht der Abstand der Ablehnung, sondern der des Respekts – das Wort kommt von “zurückschauen”. Abstand heisst dann: Ich gebe dir Raum, ohne dich aus den Augen zu verlieren. Saint-Exupéry hat es so ähnlich gesagt: Liebe bedeutet nicht, sich ständig gegenseitig anzuschauen, sondern gemeinsam in dieselbe Richtung zu schauen. Schon Mose durfte Gott nur von hinten sehen (2. Mose 33) – auch das eine Form von Nähe, die Abstand braucht.
Wo in deinem Leben würde dir gerade ein Schritt zurück helfen – nicht um wegzulaufen, sondern um klarer zu sehen, was wirklich zählt?
Ich wünsche Dir eine gute Woche, Dein Pfarrer Uwe Tatjes