#Wochentext 31/2026: Verschiebung im Gestein

Publiziert am 26. Juli 2026

Am Wochenende war ich wandern. Vom Tal aus schlängelte sich der Weg steil aufwärts, bis ich oben ankam – schnaufend, erschöpft, und dann still. Vor mir ein gewaltiges Panorama: Massen von Gestein, Abbrüche und Ineinandergeschobenes, steile Wände und geneigte Platten, ein Meer aus Stein, das wie auf einem Foto aufgewühlter See zum Stillstand gekommen scheint. Und doch: Der Stein bewegt sich. Hat sich bewegt. Schiebt und drängt weiter. Unter uns arbeiten die Kontinentalplatten – unbemerkt, aber stetig, die Gestalt der Erde verändernd.

Genau das beschreibt Mariann Bühler in ihrem Roman “Verschiebung im Gestein”. Da ist Elisabeth, die Bäckersfrau, die nach dem Tod ihres Mannes ihr Leben neu ordnen muss – und sich dabei aus Rollen löst, die ihr nie wirklich gepasst haben. Da ist Alois, der Landwirt, der nie weggegangen ist, ungefragt auf dem Hof geblieben ist – und nun, spät, doch aufbricht. Da ist Ruth, die zurückkehrt, in ein altes Ferienhaus und in Kindheitserinnerungen – und dabei auch alten Schmerzen begegnet. Alle drei werden mehr geschoben als dass sie gehen. Äussere Ereignisse setzen in Gang, was lange im Verborgenen auf seinen Moment gewartet hat.

Bühler nennt das den “wiggle room” – einen kleinen Spielraum, der sich durch beharrliche, kleine Bewegungen weitet. Wir sind nie ganz frei, immer auch Teil eines Gefüges. Aber wir sind auch nie ganz festgemauert.

“Seht, ich tue etwas Neues; schon spriesst es” – so spricht Gott bei Jesaja (43,19). Das Neue spriesst oft lange, bevor wir es bemerken. Wie ein Samenkorn, das sich bewegt, bevor es sichtbar wird. Gott ist kein Gott des Stillstands – er hat selbst in das Gebirge den Wunsch nach Bewegung gelegt.

Wo steckst Du gerade fest? Und was schlummert vielleicht schon lange in Dir – und wartet darauf, endlich Raum zu bekommen?

Ich wünsche Dir eine gute Woche, Dein Pfarrer Uwe Hayno Klaas Tatjes