#Wochentext 33/2026: Langsam beeilen

Publiziert am 9. August 2026

Neulich las ich über paradoxe deutsche Redewendungen. Eine hat mich seither nicht losgelassen: „Wir müssen uns langsam beeilen.“ Hektik mit Handbremse. Auf den ersten Blick Unsinn – und doch steckt da etwas drin.

Eine Freundin schrieb mir, sie löse abends vor dem Schlafengehen immer ein Kreuzworträtsel. Das beruhige sie, das habe sie von ihrer Mutter übernommen. Meine spontane Antwort: Wenn wir anfangen, die Gewohnheiten unserer Eltern zu übernehmen, werden wir alt. Aber eigentlich hat sie recht. Und ich merke: Ich bin selbst nicht besser. Zwei Stunden vor dem Schlafen kein Bildschirm mehr. Stattdessen ein Buch. Inzwischen schaffe ich fast eines pro Woche – und schlafe besser. Morgens stehe ich früher auf. Geniesse die Stille, bevor die Welt erwacht. Manchmal ein Spaziergang, manchmal einfach ein Kaffee auf dem Balkon und nichts. Einfach nichts.

Dabei haben wir objektiv mehr Freizeit als frühere Generationen. Und trotzdem das ständige Gefühl, zu wenig Zeit zu haben. Weil wir zu viel wollen. Zu viel verpassen könnten. Weil Nachrichten, Bilder, Eindrücke und Werbebotschaften uns pausenlos bestürmen.

Die Bibel kennt dafür ein uraltes Gegenmittel: den Sabbat. Gott selbst hält inne am siebten Tag (Gen 2,2-3) – nicht weil er erschöpft ist, sondern weil Ruhe zur Schöpfung dazugehört. Und Psalm 46 sagt es fast trotzig: „Lasst ab – und erkennt, dass ich Gott bin.“ Innehalten ist keine Schwäche. Es ist eine göttliche Ordnung.

Vielleicht ist „Wir müssen uns langsam beeilen“ gar kein Widerspruch. Wer ab und zu wirklich runterschaltet, kommt langfristig weiter.

Was wäre Dein Kreuzworträtsel – Dein kleines Ritual des Loslassens?

Pfarrer Uwe Hayno Klaas Tatjes