#Wochentext 36/2026: Abtauchen

Publiziert am 30. August 2026

Ich sitze auf einer kleinen Piazza in Catania, der zweitgrössten Stadt Siziliens. Vor mir ein doppelter Espresso und ein Cornetto alla crema – das klassische, süsse Frühstück der Italiener. Daneben ein Arancino, weil ich zum Frühstück unbedingt auch etwas Salziges brauche. Das ist jenes legendäre, frittierte Reisbällchen, das hier in Catania rund ist und in Palermo kegelförmig, was auf der Insel zu ernsthaften Grundsatzdiskussionen führt. Ich tauche ab – und es tut gut.

Abtauchen hat zwei Gesichter. Das eine kennt jeder, der in den Ferien zum ersten Mal durchatmet: sich zurückziehen, loslassen, neue Kraft tanken, unbekannte Welten entdecken. Das ist heilsam und nötig. Das andere Gesicht ist weniger schmeichelhaft: Abtauchen als Flucht. Die Realität ausblenden, weil sie unbequem ist. Einfach nicht hinschauen, in der Hoffnung, dass es sich von selbst erledigt.

Klimawandel? Mag sein, aber reden wir lieber nicht drüber – am besten streichen wir das Wort einfach aus den Berichten. Politische Versprechen, die nicht finanzierbar sind? Politiker, die Skandal auf Skandal häufen, deren Aussagen offen menschenverachtend sind? Schon möglich. Aber ich glaube, was ich glauben will.

Der Unterschied zwischen beiden liegt nicht im Verhalten, sondern in der Absicht. Wer abtaucht, um zurückzukommen, macht etwas anderes als wer abtaucht, um nicht mehr auftauchen zu müssen.

Die Bibel hat dafür eine der witzigsten Figuren überhaupt: Jona. Er bekommt einen Auftrag, den er nicht will, kauft sich kurzerhand ein Schiffsticket in die entgegengesetzte Richtung und taucht ab – buchstäblich, im Bauch eines Fisches. Es hilft nichts. Er kommt trotzdem an. Gott lässt sich vom Abtauchen nicht beeindrucken.

Wo tauchst du gerade ab – und warum?

Fragt sich, Dein Pfarrer Uwe Hayno Klaas Tatjes