Das Grauen der nationalsozialistischen Verbrechen, die zynische und zermürbende Präzision ihrer Bürokratie und die Wucht ihrer industriellen und skrupellosen Ausführung bleiben oft abstrakt, bis es sich mit konkreten Schicksalen verbindet.
Etty Hillesum war eine niederländische Jüdin, die mit ihren Eltern von den deutschen Besatzern nach Auschwitz deportiert wurde. Das Bild oben zeigt sie im Jahr 1939. Durch ihre Bekanntschaft und Beziehung zu dem deutschen Emigranten und Psychoanalytiker Julius Spier, bei dem sie zunächst eine Psychotherapie beginnt, entsteht die Anregung, ein Tagebuch zu führen. Auf diese Weise haben wir Einblick in ihre innere Welt und Entwicklung während der Besatzung und der anschliessenden Deportation nach Auschwitz. Unter der deutschen Besatzung verschlechtert sich die Lebenssituation und die Freiheit für Juden zunehmend, bis Etty Hillesum, die zunächst als Sekretärin des Judenrats in Amsterdam noch kleine Freiheiten und sogar Reisemöglichkeiten zwischen dem niederländischen Zwischenlager Westerbork und Amsterdam besitzt, wie der Grossteil der niederländischen Juden deportiert und in Auschwitz 1943 umgebracht wird.
Etty Hillesum führt ihr Tagebuch als einen inneren Dialog, der damit ringt, mit der erfahrenen Ungerechtigkeit, der Brutalität, der Ausweglosigkeit, dem Zusammenbruch der Welt, wie sie ihr vertraut war, zurechtzukommen. Präzise und mit gelungenen Sprachbildern analysiert und beobachtet sie sich selbst und dokumentiert die Entwicklung einer Frau, die sich als unsicher und depressiv empfindet, zu einer selbstbewussten Frau, die ihr inneres Wachstum wahrnimmt und daraus Kraft schöpft. Das, was Etty Hillesum unter der deutschen Besatzung erlebt und präzise beschreibt und analysiert, lässt sie an den rationalen Grundlagen und Erklärungen, die sie bisher getragen haben, zweifeln. Der ganze Wahnsinn der nationalsozialistischen Ideologie, der Zynismus mit dem sie ihren Terror ausbreitet und dabei von breiten Schichten getragen wird, spottet jeder rationalen und humanistischen Weltdeutung. In dem Sturm des Unfassbaren, der täglich auf sie einströmt, versucht sie einen Ausweg zu finden, indem sie in sich „hineinhorcht“ und der Kontemplation zuwendet. Das hilft ihr, ihren Kopf und ihre Seele von allem Störenden und Belastenden freizubekommen und klar zu denken, frei zu werden von der lähmenden Grausamkeit der Besatzer und das Nötige zu tun. Hierbei entdeckt sie etwas, was sie das „Allertiefste und Allerreichste“ nennen wird und das sie Gott nennt. Es drückt ihre Verbundenheit mit dem Leben und er Welt und ihre Liebe zum Leben aus. Diesem „Allertiefsten“ vertraut sie sich an. Zwar gelangt sie schnell zur Einsicht, dass dieses Gegenüber das sie Gott nennt, sie nicht wundersam aus dem Grauen retten wird, aber sie hält an ihm fest, ja wagt den Gedanken, dass nicht Gott etwas für sie tun muss, sondern wir als Menschen Gott helfen müssen, damit er nicht in Vergessenheit gerät. Sie notiert:
„Es sind schlimme Zeiten, mein Gott. Heute nacht geschah es zum erstenmal, dass ich mit brennenden Augen schlaflos im Dunkeln lag und viele Bilder menschlichen Leidens an mir vorbeizogen. Ich verspreche dir etwas, Gott, nur eine Kleinigkeit: ich will meine Sorgen um die Zukunft nicht als beschwerende Gewichte an den jeweiligen Tag hängen, aber dazu braucht man eine gewisse Übung. Jeder Tag ist für sich selbst genug. Ich will dir helfen, Gott, dass du mich nicht verlässt, aber ich kann mich von vornherein für nichts verbürgen. Nur dies eine wird mir immer deutlicher: dass du uns nicht helfen kannst, -sondern dass wir dir helfen müssen, und dadurch helfen wir uns letzten Endes selbst. Es ist das einzige, auf das es ankommt: ein Stück von dir in uns selbst zu retten, Gott. Und vielleicht können wir mithelfen, dich in den gequälten Herzen der anderen Menschen auferstehen zu lassen.“
(aus: Etty Hillesum: Das denkende Herz, S.149)
Die Frage, wie nach Auschwitz Gott und seine klassischen Eigenschaften wie Allmacht, Allwissenheit, Ubiquität noch gemacht werden können, ist in der Theologie nach 1945 intensiv und zu Recht gestellt worden. So wie Auschwitz nicht nur einen Riss in der Geschichte der Menschheit markiert, sondern auch in der Gotteslehre und der Vorstellung von Gott überhaupt, kann es danach keine Theologie mehr geben, die die Augen vor dem Grauen verschliesst, keine triumphalistische Theologie mehr und keinen „lieben Gott“ mehr, der weder in der Lage ist zu helfen, noch zu leiden. Der hilflose und ausgelieferte Gott am Kreuz und sein verfolgtes und beinahe vernichtetes Volk müssen zusammen gedacht werden können. Man könnte Etty Hillesums Ansatz eine Mystik mit offenen Augen nennen. Eine Mystik, die das Grauen sieht und präzise benennt und dennoch nicht einknickt davor, den Glauben an etwas Höheres und Wertvolles bewahrt, die Hoffnung rettet, wenn sie davon spricht, dass sie Gott nicht im Stich lassen und helfen wird, dass er nicht vergessen wird und in den Herzen der Menschen aufersteht. Wir müssen die Hoffnung retten. Jeden Tag. Denn die Logik der Grausamkeit, des Bösen will Menschen brechen. Sie ohne jeden Widerstand, ohne jede Stärke, völlig ausgeliefert und bar jeder Hoffnung sehen.
Der Songpoet Joris singt in seinem Lied „Bis ans Ende der Welt“:
Und deshalb sing ich dein Lied
Von Ost nach West
Bis der Schmerz nachlässt
Oh, bis ans Ende der Welt
Von Süd nach Nord
Bis an jeden Ort
Damit es dich weiter gibt
Dein Pfarrer Uwe Hayno Klaas Tatjes
Die Musik für heute ist wenig überraschend das zitierte Lied von JORIS: