#Wochentext 32/2026: Gesichter

Publiziert am 2. August 2026

Ich scrolle durch die Nachrichten dieser Tage und stolpere über Sprache. Flüchtlinge kommen nicht mehr an – sie “strömen”, “fluten”, “überrollen”. Als wären das keine Menschen mit Namen und Geschichten, sondern eine Naturkatastrophe, gegen die man Dämme baut. Dann der Anschlag auf den Berliner CSD am 25. Juli – den Christopher Street Day, die jährliche Demonstration für die Rechte von schwulen, lesbischen und queeren Menschen. Eine Frau tot, über dreissig Verletzte. Bestürzung, Trauer, Mitgefühl. Und dazwischen, in den Kommentarspalten: “Traurig. Aber es trifft ja die Richtigen.”

Das ist kein Einzelfall. Es ist ein Muster. Menschen hören auf, Gesichter zu haben – und werden zu Kategorien. Zu Positionen, Statistiken, Fällen. Zu “Wellenbrecher”-Vokabular, zu Schlagworten, zu Feinden. Und sobald jemand kein Gesicht mehr hat, kann man ihn loswerden, beschimpfen, übersehen – mit ruhigem Gewissen.

Dagegen steht ein erstaunlich kurzer Satz aus dem ersten Buch der Bibel: “Gott schuf den Menschen nach seinem Bild.” (Gen 1,27) Nicht die Guten. Nicht die Verdienstvollen. Nicht die, die das richtige Ticket haben. Alle.

Vor ein paar Jahren schoss die Schweizer Politikerin Sanija Ameti auf ein Bild der Madonna mit dem Jesuskind. Blasphemie, riefen viele. Ich schrieb damals: Das geht an diesem Gott vorbei. Einen Herrscher, der Ehre und Würde verlangt, kann man beleidigen. Aber keinen Gott, der sich ans Kreuz schlagen lässt, der in die tiefste menschliche Erniedrigung hineingeht. Diesen Gott trifft man nicht mit einer Kugel auf ein Bild. Man trifft ihn, wenn man von einem Toten sagt: “Trifft die Richtigen.”

Wessen Gesicht habe ich diese Woche nicht mehr gesehen – weil ich schon wusste, in welche Schublade er oder sie gehört?

Pfarrer Uwe Hayno Klaas Tatjes