#Wochentext 35/2026: Langer Atem

Publiziert am 23. August 2026

1912, Olympische Spiele in Stockholm. Der japanische Marathonläufer Kanaguri Shisō bricht bei Kilometer dreissig zusammen – die Hitze, die Erschöpfung, eine 18-tägige Anreise mit Schiff und Transsibirischer Eisenbahn im Körper. Eine schwedische Familie nimmt ihn auf, gibt ihm zu trinken, lässt ihn auf dem Sofa ruhen. Er schläft sofort ein – und wacht erst am nächsten Morgen auf. Das Rennen ist längst vorbei. Kanaguri schämt sich, reist heimlich nach Japan zurück, ohne sich abzumelden. In Schweden gilt er fortan als vermisst.

Was er nicht weiss: Er läuft 1920 und 1924 wieder bei Olympia. Er heiratet, bekommt Kinder, wird Universitätsprofessor. Und in Schweden steht sein Name weiterhin auf der Liste der Vermissten.

1967 spürt ihn das schwedische Fernsehen auf – inzwischen 76 Jahre alt. Sie laden ihn ein, seinen Lauf zu beenden. Er reist nach Stockholm, zieht die Laufschuhe an und joggt von genau der Stelle, wo er 1912 aufgehört hatte, ins Olympiastadion. Offizielle Endzeit: 54 Jahre, 8 Monate, 6 Tage, 32 Minuten und 20,3 Sekunden.

Die 20,3 Sekunden finde ich besonders schön. Als hätte jemand wirklich mitgestoppt.

Manchmal braucht es einen langen Atem. Nicht alles, was unterbrochen, aufgegeben oder verschlafen wurde, ist für immer verloren. „Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft; sie fahren auf mit Flügeln wie Adler, sie laufen und werden nicht müde.“ (Jes 40,31)

Wo hast du etwas angefangen, das noch auf seine Fortsetzung wartet?

Ich wünsche Dir gute Motivation für diese Woche, Kraft, Freude und einen langen Atem, Dein Pfarrer Uwe Hayno Klaas Tatjes