Als Antoni Gaudí 1926 in Barcelona von einer Strassenbahn erfasst wurde und starb, war seine Sagrada Família zu gerade einmal 15 Prozent fertig. Auf die Frage, wann denn der Bau des Gotteshauses vollendet sein werde, soll er geantwortet haben: „Mein Kunde hat keine Eile.“ Ein Satz von grosser Gelassenheit – und grossem Vertrauen.
Mose am Berg Nebo ist das biblische Bild dazu. Vierzig Jahre Wüste, vierzig Jahre Führen, Streiten, Hoffen, Zweifeln. Und dann steht er oben, sieht das gelobte Land – und darf es nicht betreten. Das ganze Leben auf ein Ziel verwendet, und am Ende bleibt der Blick von aussen. Was ist das für ein Gefühl?
Vielleicht nicht nur Schmerz. Santiago, der alte Fischer bei Hemingway, kämpft 84 Tage ohne Fang, fährt weiter hinaus als alle anderen, ringt drei Tage mit dem grössten Marlin seines Lebens – und verliert ihn auf dem Rückweg an die Haie. Er kommt mit dem Skelett heim. Aber er kommt aufrecht heim. Physisch hat er verloren. Innerlich hat er gewonnen. Seine Würde ist zurück.
Was verbindet diese drei? Keiner von ihnen hat sein Werk vollendet, sein Ziel ganz erreicht. Und keiner von ihnen hat deshalb aufgehört, gross zu sein. Vielleicht sogar umgekehrt: Wer mit dem Unvollendeten versöhnt ist, wer nicht einem falschen Perfektionismus huldigt, kann loslassen. Kann das Werk weitergeben. Kann darauf vertrauen, dass andere weitermachen – und dass das gut ist so.
Gaudís Sagrada Família wird dieser Tage, hundert Jahre nach seinem Tod, endlich fertiggestellt. Von anderen Händen. In seinem Geist.
Manchmal denke ich, dass ich zu kurzatmig unterwegs bin. Dass ich in zu kleinen Dimensionen denke. Nur mich im Blick habe. Aber mit mir ist die Welt nicht zu Ende. Da kommt noch was. Da kommen andere nach mir. Leben mit der Aussicht des Mose vom Nebo und der Gelassenheit von Gaudí.
Was würdest du anders angehen, wenn du nicht nur für dich, sondern auch für die denkst, die nach dir kommen?
Dein Pfarrer Uwe Tatjes