#Wochentext 42/2026: Siga siga

Publiziert am 11. Oktober 2026

Ich weiss nicht, ob du schon mal in Griechenland warst. Aber wenn ja, hast du es wahrscheinlich auch gespürt: dieses andere Lebensgefühl. Die Menschen wirken gelassener, das Miteinander herzlicher, das Leben insgesamt langsamer. Und trotzdem – oder vielleicht genau deshalb – intensiver.

Fragt man die Griechen, warum das so ist, bekommt man viele Antworten. Aber zwei Worte fallen immer wieder: σιγά σιγά – siga siga, gesprochen ssija ssija. Wörtlich: „langsam, langsam.“ Frei übersetzt: immer mit der Ruhe.

Diese zwei Worte sind mehr als eine Redewendung. Sie sind eine Lebensphilosophie, ein Kompass durch den Alltag. Kein Leben mit Stechuhr, Einkaufsliste und To-Do-App. Während wir in der Schweiz gewohnt sind, dass alles pünktlich sein und funktionieren muss – und sich die SBB sogar entschuldigt, wenn der Zug drei Minuten zu spät einläuft –, halten die Griechen sich mit solchen Dingen nicht auf. Wichtig ist, Zeit zu haben für das, was wirklich wichtig ist. Eine Kaffeepause darf statt zehn auch gerne fünfundfünfzig Minuten dauern. Man setzt sich zusammen, plaudert, braucht dafür keine Agenda und keinen Zweck. Es ist einfach schön, beisammen zu sein.

Griechenland ist dabei kein Land der Sorglosigkeit. Viele Griechen haben massive, bisweilen existenzielle Sorgen und müssen hart arbeiten oder sehr kreativ sein, um den Alltag zu meistern. Aber die Haltung bleibt: die Ruhe bewahren und das Leben nehmen, wie es kommt.

In der Bibel heisst es: Alles hat seine Zeit (Koh 3). Das gilt wohl auch für siga siga. Also: Lass dir Zeit. Geniesse. Akzeptiere, dass Dinge schiefgehen, ohne gleich zu stressen. Lass dein Leben nicht vollständig von Uhren und Trackern kontrollieren. Steig mal aus. Sei barmherzig mit dir und anderen. Finde Worte für Menschen, höre zu, sei herzlich.

Vielleicht ist das das schönste Mitbringsel aus Griechenland: weniger Hetze, mehr Herz. Mehr Gespräch, weniger Bildschirme. Mehr Leben, weniger Optimierung.

Siga siga.

Schreibt Pfarrer Uwe Hayno Klaas Tatjes, der sich gerade nach seiner ersten Wanderung auf Santorini am Pool erholt.