# Wochentexte 23: Gott ist nicht alleine

Publiziert am 31. Mai 2026

Mein Berufsalltag und meine Lebenssituation als Wochenaufenthalter mit zwei Wohnorten bringt es mit sich sich, dass ich oft alleine bin. Zwar treffe ich als Pfarrer auch viele Menschen, aber wenn ich etwa vorbereiten muss oder in meiner Wochenaufenthalterwohnung bin, dann bin ich doch alleine. Ich beklage das nicht. Ich bin gerne auch einmal alleine. Ich liebe es auch, alleine auf dem Velo unterwegs zu sein oder in einer einsamen Landschaft zu wandern.
Nicht dass ich nicht gesellig wäre, kommunikativ und keine Freude daran hätte, Menschen zu treffen. Ganz im Gegenteil. Aber es macht mir auch nichts aus, mal niemanden um mich zu haben. Es gibt mir Zeit, in Ruhe nachzudenken oder einfach auch mal nichts zu tun, auszureden vom ständigen Reden und Tun. Ich finde es auch noch eine wichtige Eigenschaft, mit sich selbst klarzukommen, auch mal Einsamkeit zu ertragen oder zu geniessen.
In der Beratung und Seelsorge begegnen mir immer wieder Menschen, die nicht alleine sein können, die ständig jemanden um sich haben müssen, die sich förmlich an andere klammern, die immer jemanden um sich brauchen. Das kann für andere Menschen und Beziehungen zu einer Belastung werden und so ist mein erster Rat an solche Personen, dass sie lernen müssen, ein Selbstbewusstsein zu entwickeln und lernen, auch ohne andere Mrnschen auszukommen, weil Beziehung auch von Nähe und Abstand lebt und mehr von Freiheit als von Abhängigkeit.
Hast Du schon mal darüber nachgedacht, ob Gott alleine ist? Die Position als Gott bringt es ja mit sich (jedenfalls in einer monotheistischen Religion), dass man einzig- und auch andersartig ist. Und man ist ja auch schon vor aller Zeit da, vor allem Geschaffenen.
Die Bibel erzählt, dass Gott nicht alleine ist. Er ist von Anfang ein beziehungsreicher und dynamischer Gott, ein Gott in drei Personen, Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist. Ein bewegter Gott und ein Gott in Bewegung. Und ein Gott, der obwohl in sich beziehungsreich und dynamisch, kein Gott, der bei sich selbst bleiben möchte, der sich selbst genug ist. Er schafft sich ein Gegenüber, uns, den Menschen. Er möchte nicht allein sein, obwohl er doch alles in allem ist. Oder wie es einer meiner theologischen Lehrer ausdrückte: Gottes Sein ist im Werden. Also in sich schon dynamisch, auf Lebendigkeit, Beziehung angelegt.
So heisst es im berühmten. Gedicht von Kurt Marti über die Schöpfung:
Die gesellige Gottheit am Werk
Von Ur an:
Gott in Geselligkeit,
Gott mit Sophia,
der Frau, der Weisheit,
geboren,
noch ehe alles begann. (…)
Fröhlich streckte Sophia Gott die Arme entgegen.
Und Gott tanzte mit.
Am Anfang also Beziehung.
Am Anfang Rhythmus.
Am Anfang Geselligkeit.
Und weil Geselligkeit: Wort.
Und im Werk, das sie schuf,
suchte die gesellige Gottheit sich neue Geselligkeiten.
Weder Berührungsängste noch hierarchische Attitüden.
Eine Gottheit, die vibriert vor Lust, vor Leben.
Die überspringen will
auf alles,
auf alle.
Ein Gott in Bewegung und bewegt, ohne Berühungsängste, mit Frau Sophie oder der Weisheit, die wir wohl als Ausdruck des Heiligen Geistes identifizieren dürfen, unterwegs. Ein geselliger Gott.
Dass Gott nicht allein ist, beschreiben wir theologisch als Trinität. Das bleibt für die meisten Gläubigen wohl bestenfalls ein Geheimnis, für viel aber auch wohl ein Rätsel.
Vielleicht wird es mit einer kleinen Geschichte über die heilige Barbara deutlicher: Von dieser wird erzählt, dass sie einen strengen Vater hatte, der sie vor allem schützen wollte. Auch vor dem gerade aufkeimenden Christentum. Doch was er dann tat, war alles andere als Ausdruck väterlicher Sorge und Liebe als vielmehr von Übergriffigkeit und Macht. Er sperrte sie vielmehr in einen Turm. Nichts und niemand, das er nicht kontrollierte, sollte zu ihr dringen. Doch hatte er seine Tochter unterschätzt, die ihm Widerstand leistete, Widerworte gab und Wege fand, die Welt und die Dinge, die ihr wichtig waren, hereinzubitten. Heimlich hatte sie Briefwechsel mit Philosophen und Gelehrten, darunter auch mit dem Theologen Origenes. Sie schafft es, einen als Arzt verkleideten Priester zu sich in de Turm zu schmuggeln, der sie tauft. Und als ihr Vater auf Reisen ist, lässt sie in den Turm, der bisher nur zwei Fenster hatte, ein drittes einbauen. So ist auch nach aussen sichtbar, dass der (böse) Plan des Vaters gescheitert und sie Christin geworden ist.
Mir gefällt das Bild vom dritten Fenster. Ein Fenster lässt ja Licht und Frische herein, wir können herausschauen und der Welt freundlich zuwinken, es ist zwar eine Abgrenzung, aber kein Ausschluss, ein Bild für Öffnung und Austausch.
Wenn Du Dich mal wieder alleine fühlst, dann denke immer an den in sich selbst vergnügten, geselligen und bewegten Gott, der nicht ohne Dich sein will. Der nicht einfach ist, sondern dreifach, vielfältig, lebendig. Und denke daran, dass es immer unsere Entscheidung ist, ob wir uns in unserer Einsamkeit einmauern, sie gestalten und auch überlegen, welche Fenster zur Welt wir bauen wollen.
In diesem Sinne wünsche ich Dir einen schönen Trinitatistag, diesen feiern wir nämlich heute, am 31. Mai.
Dein Pfarrer Uwe Hayno Klaas Tatjes