Liebe Konfirmandinnen, liebe Konfirmanden, liebe Festgemeinde,
als Pfarrer und Katechetin hatten auch wir unsere Träume für dieses Jahr. Vielleicht nicht den Traum, immer super aufmerksame und motivierte Schülerinnen und Schüler zu haben. Wir sind Realisten. Ich euch aber von einem ganz besonderen Traum erzäheln: Im Konflager seid ihr einmal nachts heimlich abgehauen, weil ihr dachtet, wir würden alle schlafen. Ich habe es gemerkt, bin rausgeschlichen und wollte mich als Gespenst verkleiden, um euch zu erschrecken. Mein Plan: ich werde zur Legende, zum «Slasher of the Emmital». Ich lasse die Mädel vor Schreck schreien und die Buben ängstlich zur Seite springen. Aber ihr habt mich leider vorher gesehen. So blieb uns nur ein gemeinsames Lachen und ein vergnügtes «Guet Nacht!» Keiner unserer beiden Träume hat sich erfüllt – euer unbemerkter Ausflug nicht, und meine Karriere als Gespenst auch nicht.
So ist das mit Träumen: Manche erfüllen sich, manche nicht. Aber wichtiger als meine gescheiterte Gespensterkarriere ist, was ihr aus dieser Zeit mitnehmt – aus dem gemeinsamen Unterwegssein und Nachdenken. Mir hat es jedenfalls Spass gemacht, mit euch unterwegs zu sein, und ich hoffe, es ist euch hier und da auch so gegangen.
Heute habt ihr uns Einblicke in euer Denken und eure Träume gegeben. Ihr habt Visionboards gestaltet – mit Bildern von dem, was ihr euch fürs Leben wünscht. Da war ein Sofa für die erste eigene Wohnung, ein Koffer fürs Reisen, eine Pfanne, weil man kochen lernen will, ein kleines Haus auf dem Land, in dem man jeden Morgen die Sonne geniesst. Träume müssen nicht riesig sein. Manchmal sind sie konkret wie ein Sofa, ein Koffer oder eine Bratpfanne.
Andere von euch haben über ihre Lebensträume geschrieben: einmal nach Japan reisen, ein Austauschjahr im Ausland machen, mit Tieren arbeiten. Einer schreibt, er möchte Musiker werden – und findet, der erste Mensch auf dem Mars zu sein wäre cool, auch wenn er weiss, dass das wohl unerreichbar ist. Obwohl: ich möchte fast sagen, bitte mach es, damit nicht der doofe Elon Musk der erste Mensch auf dem Mars ist. Eine andere möchte ein Buch schreiben, mit dem sie etwas bewegen kann – für den Klimaschutz, für den Frieden. Seht ihr? Eure Träume wachsen schon über euch selbst hinaus.
Auch für unsere Kirche habt ihr geträumt. Mehr Farbe im Raum, bequemere Stühle, Musik mit Band statt nur Orgel, eine Murmelgruppe mitten im Gottesdienst. Sogar das Essen gehört dazu – auch davon habt ihr uns erzählt, wie eine andere Gemeinde einmal im Jahr die Kirche in ein Restaurant verwandelt hat. Auch das ist ein Traum: eine Kirche, in der man sich wohlfühlt.
Und dann gibt es noch die ganz grossen Träume, wie sie uns auch von euch nahegebracht wurden, als ihr von Martin Luther King und Mahatma Gandhi erzählt habt. Auch sie waren nicht perfekt, haben nicht alles erreicht – aber ihre Träume haben die Welt verändert. Ihr müsst nicht in ihre Fussstapfen treten. Wenn euer Traum auch nur einen Menschen begeistern kann, ist schon viel gewonnen. Träume können klein sein wie ein Sofa, wie ein Reisekoffer, eine Bratpfanne. Sie dürfen auch gross sein.
Jetzt sagt ihr vielleicht: Das mit den Träumen ist ja schön, aber das sind unsere Träume. Was hat Gott damit zu tun? Eine berechtigte Frage. Aber ich frage zurück: Könnt ihr euch vorstellen, dass Gott auch träumt? Dass er sich eine Welt erträumt, wie er sie geschaffen hat – gut, weit, friedlich, ein Ort, an dem für alle genug da ist und der Streit ein Ende hat? Ich glaube fest: Gott freut sich, wenn die Gaben, die in jedem von euch stecken, wachsen und sich entfalten dürfen. Er möchte, dass wir Zukunft gewinnen – nicht in einer Gegenwart steckenbleiben, die uns runterzieht, oder einer Vergangenheit, die uns festhält. Er sagt einmal im Buch Jeremia: Denn ich weiss wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung. (Jer 29,11)Gott gibt uns Raum und Zukunft – die ideale Bühne für unsere Träume. Also: nutzt diesen Raum. Lebt eure Träume. Lasst euch nicht so schnell entmutigen, und wagt es auch, gross zu träumen. Auf dem Altar stehen heute all die bunten, verrückten Vögel, die ihr zu Beginn der Konfirmandenzeit gebastelt habt. Werdet so wie sie: bunt, eigenwillig, manchmal schräge Vögel – aber Vögel mit Mut zum Träumen. Und dann genau der Vogel zu sein, der du bist und der du sein kannst. Amen.