Liedpredigt über RG 729 zum Thema „Schöpfung“

Publiziert am 9. August 2026

„Wenn ich, o Schöpfer, deine Macht“ — Christian Fürchtegott Gellert (RG 729)

St. Antoni · Gottesdienst am Sonntag 9.8.2026 – Pfarrer Uwe Hayno Klass Tatjes

Teil 1 — Lob der Schöpfung

Im Sommer fällt uns das Lob der Schöpfung normalerweise leicht: Die Tage sind hell und warm, wir haben Zeit für Ausflüge und sammeln Eindrücke in der wunderbaren Natur, die uns umgibt. Dem wollen wir heute mit einer Liedpredigt nachspüren. Es geht um das Lied „Wenn ich, o Schöpfer, deine Macht“ von Christian Fürchtegott Gellert. Wir werden es nach und nach miteinander singen und dazwischen immer wieder etwas dazu hören. Ihr könnt schon mal die Gesangbücher aufschlagen – Nummer 729.

„Wenn ich, o Schöpfer, deine Macht … anbetend überlege“ – Gellert beschreibt hier etwas, das viele von uns kennen, auch wenn wir es selten so nennen: einen Moment, in dem der Alltag plötzlich zurücktritt und die Welt sich verdichtet. Man braucht dafür keinen Gipfel. Aber wer schon einmal früh am Morgen Richtung Kaiseregg oder steil durch den Wald zum Breccaschlund aufgestiegen ist, kennt dieses Gefühl: Der Weg ist mühsam, man schwitzt, man zweifelt vielleicht sogar, ob es sich lohnt. Und dann dieser Moment der Stille. Keine gewohnten Geräusche mehr – höchstens von weit her eine Kuhglocke, der Wind in den Halmen. Die Welt erscheint klarer, näher und zugleich grösser als sonst.

Gellert nennt das im zweiten Vers ganz direkt: „Mein Auge sieht, wohin es blickt, die Wunder deiner Werke.“ Er fragt dann, fast kindlich staunend: Wer hat die Sonne so hoch gesetzt? Wer ruft dem Heer der Sterne? Das ist keine naturwissenschaftliche Frage – Gellert wusste, wie die Sonne aufgeht. Es ist eine andere Art des Sehens. Ein Sehen, das nicht erklären will, sondern anbetet.

Bevor wir das gleich miteinander besingen, wollen wir genau das noch einmal tun: hinschauen. Nicht erklären, nicht analysieren – einfach schauen, was uns diese Schöpfung, unsere Schweizer Natur, zu sagen hat.

→ Diashow: Bilder aus der Schweizer Natur — Video: Die Schönheit der Schweizer Natur (Dropbox)

→ Gemeinde singt Strophen 1–2

Teil 2 — Gellerts Glaube in dunkler Zeit

Christian Fürchtegott Gellert, geboren 1715 in Hainichen, war zu seiner Zeit der meistgelesene Dichter Deutschlands – seine Fabeln kannten Kinder auswendig, sein Ansehen reichte bis an den Hof Friedrichs des Grossen. Aber er war auch ein kränklicher, zeit seines Lebens von Schwermut geplagter Mann. Und dann kam der Siebenjährige Krieg über Sachsen.

Leipzig, seine Stadt, wurde verwüstet. Nach der Schlacht bei Roßbach 1757 schrieb Gellert einer Freundin über sein Mitgefühl mit den Opfern einen Satz, der bis heute nachhallt: „Ich konnte nicht beten, nicht weinen.“ Kein frommer Trostspruch, keine schnelle Erklärung – einfach: Stille, Erschütterung, Leere. Genau in dieser Zeit, mitten im Krieg, erscheint 1757 seine Sammlung „Geistliche Oden und Lieder“ – unser Lied trägt darin den ursprünglichen Titel „Preis des Schöpfers“.

Das ist bemerkenswert: Ein Mann, der selber nicht beten konnte, dichtet eines der zuversichtlichsten Schöpfungslieder unserer Sprache. Kein Widerspruch – ich lese das als Ehrlichkeit. Gellert schreibt nicht über die Schöpfung hinweg an seinem Leid vorbei. Er schreibt trotzdem. Oder besser: gerade deshalb.

Denn Gellert war ein Kind der Aufklärung, geprägt von einem Denken, das – bei Leibniz und seinen Nachfolgern – überzeugt war: Wir leben in der besten aller möglichen Welten, weil ein guter und vernünftiger Gott sie so eingerichtet hat. Das mag uns heute naiv klingen. Aber bei Gellert ist es kein Schreibtisch-Optimismus. Es ist ein Vertrauen, das durch Krieg und Krankheit hindurchgetragen wurde und deshalb standhält, wo billiger Trost längst zerbrochen wäre.

„Wer misst dem Winde seinen Lauf? […] Gott, deine Güte reicht so weit, so weit die Wolken reichen“ – das singt kein Mensch, dem nie etwas zugestossen ist. Das singt einer, der wusste, wie es ist, nicht beten zu können – und der trotzdem, oder gerade darum, dem Schöpfer traut.

→ Gemeinde singt Strophen 3–4

Teil 3 — Freude und Riss: Schöpfung heute

Zurück zur Freude an der Schöpfung – aber diesmal mit einem Riss darin. Diesen Sommer haben wir hier im Sensebezirk erlebt, was Wasser- und Futtermangel bedeuten. Und die Reaktionen darauf gehen weit auseinander. Landesweit wurden diesen Sommer rund 15 Prozent mehr Rinder geschlachtet als letztes Jahr, bei den Kühen fast ein Drittel mehr – gut 7000 Tiere zusätzlich. Unter Zeitungsartikeln dazu lese ich Kommentare wie: „Ach, das sind sowieso nur alte Kühe, die weg mussten“ oder „Aha, daher kommt das Trockenfleisch.“ Zwischen Galgenhumor und echter Sorge sind wir unterwegs.

Interessant: Selbst die Fachleute sagen offen, dass sich Trockenheit und schwierige Marktlage nicht klar trennen lassen – beides spielt zusammen. Und auch bei uns, im Schwarzseegebiet selbst, ist das Bild nicht einheitlich: Ein Landwirt aus Plaffeien erzählte kürzlich, bei ihm sei es feuchter als anderswo, er habe sogar schon den dritten Schnitt eingefahren – während im Jura und in Graubünden Bauern ihre Tiere notfallmässig von der Alp holen mussten. Nichts ist mehr so einfach und sicher, wie Gellert es 1757 noch besingen konnte. Die Meinungen sind gespalten, die Lage regional verschieden, die Ursachen vermischt.

Gellert singt: „Der Mensch, der Schöpfung Ruhm und Preis“ – und meint damit auch Verantwortung. Die letzte Strophe endet nicht mit Staunen, sondern mit einer Aufforderung: ihm gern zu dienen. Das war für Gellert zuerst Anbetung. Für uns heute ist es mehr. Es ist gut, Gott für seine Schöpfung zu danken und für sie zu beten – das darf nicht verloren gehen. Aber niemand von uns kann die Klimafrage allein lösen, und das muss auch niemand. Jede und jeder kann im Kleinen etwas beitragen. Kein Grund zur Verzweiflung, sondern eine Antwort auf das Staunen, von dem Gellert singt: Wenn wir dankbar sind und zugleich Sorge tragen, tun wir das auch für die, die nach uns kommen – damit auch unsere Kinder und Grosskinder sich noch an dieser schönen Natur in der Schweiz freuen können.

→ Gemeinde singt Strophen 5–6

Liedtext: Christian Fürchtegott Gellert, „Preis des Schöpfers“, in: Geistliche Oden und Lieder, 1757 · RG 729

Anhang: Liedtext (RG 729)

Strophen 1–2

1) Wenn ich, o Schöpfer, deine Macht,
die Weisheit deiner Wege,
die Liebe, die für alle wacht,
anbetend überlege,
so weiß ich, von Bewundrung voll,
nicht, wie ich dich erheben soll,
mein Gott, mein Herr und Vater.

2) Mein Auge sieht, wohin es blickt,
die Wunder deiner Werke;
der Himmel, prächtig ausgeschmückt,
preist dich, du Gott der Stärke.
Wer hat die Sonn an ihm erhöht?
Wer kleidet sie mit Majestät?
Wer ruft dem Heer der Sterne?

Strophen 3–4

3) Wer misst dem Winde seinen Lauf?
Wer heißt die Himmel regnen?
Wer schließt den Schoß der Erde auf,
mit Vorrat uns zu segnen?
O Gott der Macht und Herrlichkeit,
Gott, deine Güte reicht so weit,
so weit die Wolken reichen.

4) Dich predigt Sonnenschein und Sturm
dich preist der Sand am Meere.
Bringt, ruft auch der geringste Wurm,
bringt meinem Schöpfer Ehre!
Mich, ruft der Baum in seiner Pracht,
mich, ruft die Saat, hat Gott gemacht;
bringt unserm Schöpfer Ehre!

Strophen 5–6

5) Der Mensch, ein Leib, den deine Hand
so wunderbar bereitet,
der Mensch, ein Geist, den sein Verstand
dich zu erkennen leitet:
der Mensch, der Schöpfung Ruhm und Preis,
ist sich ein täglicher Beweis
von deiner Güt und Größe.6) Erheb ihn ewig, o mein Geist,
erhebe seinen Namen;
Gott unser Vater sei gepreist,
und alle Welt sag Amen,
und alle Welt fürcht ihren Herrn
und hoff auf ihn und dien ihm gern.
Wer wollte Gott nicht