Predigt über Lukas 5, 1-11

Publiziert am 5. Juli 2026

Predigt zu Lukas 5,1–11 von Pfarrer Uwe Hayno Klaas Tatjes, gehalten am 5. Juli 2026 in der reformierten Kirche in St. Antoni FR

5. Sonntag nach Trinitatis · Nachfolge

Perikopenreihe II · Predigttext: Lk 5,1–11

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus.

I. Das Gefühl, das wächst

Kennst Du das Gefühl?

Du gibst alles. Du arbeitest. Du bemühst Dich.

Und trotzdem – es reicht nicht.

Es kommt nichts zurück.

Vielleicht lernst Du etwas Neues.

Du übst und übst.

Und immer wieder passiert Dir derselbe Fehler.

Oder Du bemühst Dich in einer Beziehung.

Du hörst zu. Du bist sind da.

Aber die Anerkennung bleibt aus.

Das ist ein schleichendes Gefühl.

Es kommt nicht mit einem großen Knall.

Es wächst. Langsam.

Wie Tinte, die sich in einem Glas Wasser ausbreitet.

Erst ein kleiner Fleck. Dann mehr.

Irgendwann ist alles grau.

Irgendwann fragt man sich:

Warum mache ich das eigentlich alles?

Und wenn man einmal so weit ist –

dann wird selbst die kleinste Aufgabe zur Last.

Dann ist der Alltag eine Mühle.

Man dreht sich im Kreis.

II. Die, die niemand sieht

Ich denke an Menschen, die das jeden Tag erleben.

Die Pflegerin, die nachts auf der Station ist.

Sie sorgt für Menschen, die schlafen, die leiden, die kämpfen.

Selten bekommt sie ein Dankeschön.

Der Briefträger, der den Kasten befüllt. Immer. Auch im Regen.

Die Kassierin, früh morgens an der Kasse.

Damit wir unsere Brötchen kaufen können.

Die Menschen in den Spätschichten.

In den Supermärkten, an den Bahnhöfen, in den Heimen.

Damit wir jederzeit alles haben, was wir brauchen.

Diese Menschen tun Dinge, die lebensnotwendig sind.

Oft im Verborgenen. Ohne Applaus.

Vielleicht bist Du selbst einer dieser Menschen.

Vielleicht fühlst Du Dich unsichtbar.

Lesung: Lukas 5,1–11 (Lutherbibel 2017)

Als aber das Volk sich zu ihm drängte, um das Wort Gottes zu hören,

stand er am See Genezareth und sah zwei Boote am See liegen;

die Fischer aber waren ausgestiegen und wuschen die Netze.

Da stieg er in eines der Boote, das Simon gehörte,

und bat ihn, ein wenig vom Land wegzufahren.

Und er setzte sich und lehrte das Volk vom Boot aus.

Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon:

Fahr hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus!

Simon aber antwortete und sprach: Meister, wir haben die ganze Nacht

gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort hin

will ich die Netze auswerfen.

Und als sie das getan hatten, fingen sie eine große Menge Fische,

und ihre Netze drohten zu reißen.

Und sie winkten ihren Gefährten im anderen Boot,

dass sie kommen und ihnen helfen sollten.

Und sie kamen und füllten beide Boote voll, sodass sie fast versanken.

Als das Simon Petrus sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach:

Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch.

Denn Entsetzen hatte ihn erfasst und alle, die bei ihm waren,

über den Fang der Fische, den sie gemacht hatten;

ebenso auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus,

die Simons Gefährten waren.

Jesus aber sprach zu Simon: Fürchte dich nicht!

Von nun an wirst du Menschen fangen.

Und sie brachten die Boote ans Land

und verließen alles und folgten ihm.

III. Die Fischer

Die Fischer am See Genezareth – die kennen das auch.

Fischen ist kein romantisches Hobby.

Es ist harte Arbeit.

Man ist nachts unterwegs.

Man ist Wind und Wetter ausgesetzt.

Man begibt sich in Gefahr.

Jeder Handgriff muss sitzen.

Man muss wissen, wo man fischt.

Man muss das Boot beherrschen.

Man muss die Netze kennen.

Und wenn das alles getan ist –

muss man den Fang verkaufen.

Die Netze flicken. Reinigen.

Am nächsten Tag wieder raus.

Es gibt keine Garantie, dass es klappt.

Und dann – nach einer ganzen Nacht –

kommen sie an Land.

Mit leeren Netzen.

Mit leeren Händen.

Das ist keine Kleinigkeit.

Das ist eine vollständige Enttäuschung.

Das ist Vergeblichkeit in ihrer reinsten Form.

IV. Der überraschende Moment

Und dann kommt Jesus.

Er setzt sich in ihr Boot.

Einfach so.

Er ist da.

Und dann sagt er etwas Erstaunliches:

Fahr hinaus. Wirf die Netze aus.

Ich kann mir vorstellen, was Petrus denkt.

Vielleicht denkt er:

Du willst mir erklären, wie ich fischen soll?

Ich mache das mein ganzes Leben.

Ich kenne diesen See.

Du nicht.

Und trotzdem macht er es.

Warum?

Vielleicht weil er spürt:

Dieser Moment ist anders.

Das ist kein gutgemeinter Ratschlag.

Da ist etwas mehr.

Vielleicht ist das genau einer dieser Augenblicke,

in denen man eine Entscheidung treffen kann,

die alles verändert.

Er lässt sich auffangen.

Er lässt sich neu ausrichten.

Und dann fährt er hinaus.

V. Der Fuß in der Luft

Es gibt einen Satz, der mich nicht loslässt.

„Ich setzte meinen Fuß in die Luft – und sie trug.“

Das hat Hilde Domin geschrieben.

Eine Frau, die selbst wusste, wie sich Boden anfühlt, der wegbricht.

Die Exil und Verlust und Neubeginn kannte.

Das ist kein frommer Satz.

Das ist ein mutiger Satz.

Der Künstler Quint Buchholz hat ein Bild gemalt,

das mich an diesen Satz erinnert.

Ein junger Mann, nachts auf einem Dach.

Er hält sich an einem Seil fest,

das mit dem einen Ende am Dachfirst festgemacht ist

das andere Ende hält er in der Hand

und balanciert dem Mond entgegen.

Ein Schritt ins Offene.

Ohne Garantie.

Aber mit Vertrauen.

Das ist kein Leichtsinn.

Das ist Glaube.

VI. Möglichkeiten entdecken – aber bitte nicht so

Es gibt diesen Satz, den man überall liest.

Auf Plakaten. In Firmenbroschüren.

Entdecke die Möglichkeiten.

Und wenn man erschöpft ist –

wenn man das Gefühl hat, alles versucht zu haben –

dann kann dieser Satz wehtun.

Weil er klingt wie:

Stell dich nicht so an.

Es liegt doch an dir.

Das ist nicht gemeint.

Jesus kommt nicht mit einem Slogan.

Er kommt nicht mit einem Zehn-Punkte-Plan.

Er setzt sich zuerst in das Boot.

Er ist einfach da.

Erst dann –

in diesem Vertrauen, das sich langsam aufbaut –

erst dann sagt er: Fahr hinaus.

Das ist der Unterschied.

Jemand, der mir sagt: Sieh die Möglichkeiten –

der sieht mich vielleicht nicht wirklich.

Jemand, der sich zuerst in mein Boot setzt –

der mit mir sitzt in meiner Erschöpfung –

der kann mir helfen, den Blick zu heben.

Perspektive ändert sich selten durch Argumente.

Sie ändert sich durch Begegnung.

Wenn jemand mich wirklich sieht –

meine Mühe, mein Scheitern, meine leeren Hände –

und trotzdem bei mir bleibt –

dann entsteht etwas.

Dann geht ein kleines Fenster auf.

Nicht weit.

Aber genug, um Luft hereinzulassen.

VII. Wir waren schon zusammen im Boot

Ich schaue euch an – und ich denke:

Ihr wisst das alles eigentlich schon.

Wir waren zusammen im Boot.

Wir kennen diese Nächte.

Die Momente, wo man nicht weiß, ob es etwas bringt.

Wo man müde ist und trotzdem weitermacht.

Ich habe euch dabei erlebt.

Wie ihr einfach da wart.

Wie ihr nicht weggelaufen seid.

Wie ihr ins Boot gestiegen seid – von Menschen,

die gerade nicht mehr weiterkonnten.

Das war nicht selbstverständlich.

Aber ihr habt es getan.

Und vielleicht habt ihr dabei selbst manchmal nicht gewusst,

ob es irgendetwas bewirkt hat.

Ob der andere es gespürt hat.

Ob es einen Unterschied gemacht hat.

Ich sage euch:

Es hat.

VIII. Menschenfischer

Am Ende sagt Jesus einen seltsamen Satz.

Von nun an wirst du Menschen fangen.

Menschenfischer.

Das klingt vielleicht nach Werbung.

Nach Mitgliedergewinnung. Nach Strategie.

Aber darum geht es nicht.

Schaut, was Jesus mit den Fischern macht.

Er fängt sie auf.

Diese ausgelaugten, enttäuschten Männer

mit ihren leeren Händen.

Er lässt sie nicht stehen mit ihrer Erschöpfung.

Er richtet sie neu aus.

Nicht mit Vorwürfen.

Nicht mit großen Worten.

Sondern mit einer einfachen Einladung:

Versuch es noch einmal.

Und dann schickt er sie hinaus.

Auf die raue See.

Nicht um sie zu schonen.

Sondern weil das Leben dort wartet.

Weil die Möglichkeiten dort sind.

Auffangen. Ausrichten. Hinausschicken.

Das ist es, was Menschenfischer tun.

Es geht um den Nachbarn,

bei dem das Licht schon lange nächtelang brennt,

Weil er einsam ist, nicht zur Ruhe kommt.

Um die Kollegin, die immer funktioniert –

und bei der man spürt: Es stimmt gerade etwas nicht.

Um die Menschen, die still kämpfen.

Die unsichtbar sind.

Menschenfischer sein heißt:

Hinschauen, wo andere wegsehen.

Ins Boot steigen.

Nicht mit Ratschlägen.

Nicht mit Lösungen.

Einfach da sein.

Aushalten.

Und dann – im richtigen Moment –

ganz leise zeigen:

Schau mal. Da drüben.

Hast du das gesehen?

Das kannst Du.

Das tun viele von euch schon.

Und es ist genug.

Schluss

Die Fischer kommen an Land mit leeren Händen.

Und gehen hinaus – und die Netze reißen fast.

Nicht weil sie plötzlich besser fischen können.

Sondern weil jemand mit ihnen ins Boot gestiegen ist.

„Ich setzte meinen Fuß in die Luft – und sie trug.“

Das ist kein Versprechen, dass alles gut wird.

Aber es ist ein Versprechen, dass man nicht allein ist.

Dass der nächste Schritt möglich ist.

Auch wenn man nicht weiß, was kommt.

Vielleicht ist das genug für heute.

Den nächsten Schritt wagen.

Und darauf vertrauen, dass er trägt.

Amen.

Liturgische Hinweise

Lieder (Reformiertes Gesangbuch RG)

Eingang:  Geh aus, mein Herz, und suche Freud – RG 537

Nach der Predigt:  Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr – RG 213

Wochenlied / Mitte:  Vertraut den neuen Wegen – RG 843

Schluss / Ausgang:  Unsern Ausgang segne Gott – RG 344

Bibeltext: hier nach Abschnitt II lesen (vor den Fischern), im Gottesdienst wurde der Text vom Lektor als Lesung vorgetragen und in der Predigt frei wieder ein Bezug nach Abschnitt II hergestellt.

Bildrechte: Quint Buchholz „Giacomo“ via Wikimedia Commons https://creativecommons.org

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