Predigt am ökumenischen Gottesdienst zum Schwarzeefestival am 2. August über Mt 14,13-21

Publiziert am 4. August 2026


Vor einiger Zeit sass ich im Zug von Bern nach Fribourg neben zwei älteren Leuten, Alois und seiner Schwester Alice, wie ich zuhörend erfahre. Die zwei unterhielten sich über ihren Tag. Sie erzählten von ihrem jährlichen Ausflug, dieses Jahr nach Ascona – Tessiner Flair, Glace am See. Schön, dachte ich. In Thörishaus stieg Alois aus. Gleich danach kam die Kontrolle. Mein GA war in Ordnung. Bei Alice aber stutzte die Kondukteurin: Das Billett gelte nur mit einer Begleitperson mit GA. Wo ist die? Alice schwieg. 90 Franken Busse, sagte die Kondukteurin und griff zum Block.
Da sagte ich: Die Dame fährt mit mir, mein GA ist gültig.
Wie bitte?
Sie kennen die Dame doch gar nicht, sagte die Kondukteurin.
Ich drehte mich zu Alice und zwinkerte. Natürlich kenne ich Alice. Wir waren heute zusammen in Ascona, am See, Glace essen.
Die Kondukteurin schaute auf meinen Velohelm. Und Alice sass wohl auf dem Gepäckträger?
Nein, sagte ich, Alice schaut mir lieber zu, wie ich auf der Piazza meine Runden drehe. Und danach gönnen wir uns die Glace.
Sie schüttelte den Kopf. Das geht so nicht.
Ich sagte: Schauen Sie – für Alice war es heute ein schöner Tag, für mich bisher auch. Auch für Sie kann es ein schöner Tag sein, wenn Sie jetzt weitergehen.
Sie setzte noch einmal an – ich sagte nur: Lassen Sie es einfach einen schönen Tag bleiben. Sie murmelte unwillig etwas, stapfte dann weiter. Alice schaute mich ungläubig an. In Schmitten, beim Aussteigen, rief ich noch: Und nächstes Jahr zahlst du die Glace, Alice!
Eine kleine Zufallsszene in der S-Bahn. Aber im Kern steckt darin eine Bewegung, die uns auch im heutigen Predigttext begegnet: Ein Mensch hat kein gültiges Billet, keinen Anspruch – und jemand anderes tritt einfach dazwischen und sagt: Sie gehört zu mir.
Genau diese Bewegung sehen wir bei Jesus in Matthäus 14. Er hat gerade vom Tod seines Vetters Johannes des Täufers erfahren. Er zieht sich zurück, will allein sein mit seiner Trauer. Aber die Menschen folgen ihm. Und Jesus, mitten in der eigenen Erschütterung, sieht ihre Not – “sie jammerten ihn” – und wendet sich ihnen zu, obwohl er selbst gerade nichts zu geben hatte.
Am Abend das nächste Problem: Wie sollen all diese Menschen versorgt werden? Die Jünger rechnen – und kommen zu einem vernünftigen Schluss: Das reicht nicht. Schickt sie weg, sie sollen sich selbst versorgen. Das ist kein böser Reflex. Das ist Vernunft. Wir können nicht alle durchfüttern. Wir können die Not der Welt nicht lösen.
Jesus widerspricht dieser – an sich vernünftigen – Logik. Nicht, indem er die Knappheit wegredet, sondern indem er sagt: Gebt ihr ihnen zu essen. Er nimmt, was da ist, dankt, teilt. Und es reicht.
Was da genau geschieht, bleibt offen – und das macht den Text ehrlich. Ob sich Brot wörtlich vermehrt hat oder im Teilen eine Dynamik freigesetzt wurde, die plötzlich reicht: Beides sagt dasselbe. Wo Menschen aufhören, nur den eigenen Mangel zu sehen, entsteht mehr, als die Rechnung ergab.
Wir sitzen heute an einem der schönsten Flecken unseres Landes – der Schwarzsee, ein Kraft- und Ruheort. Wir dürfen dankbar sein: für ein Land, das wohlhabend, friedlich, ohne Mangel ist. Das war im Sensebezirk nicht immer so – einst eine der ärmsten Gegenden der Schweiz, mit Armut, Verschuldung, Sucht. Wir wissen also eigentlich, was Not ist, was Solidarität bedeutet. Das sollten wir nicht vergessen, wenn heute anderswo das Brot knapp wird.
Diese Woche ist der Text aktuell, auf eine Art, die ich mir nicht ausgesucht habe. Ceuta ist eine spanische Enklave auf afrikanischem Boden, gesichert durch einen doppelten, sechs Meter hohen Zaun. Seit Donnerstag sind rund 60’000 Menschen von Marokko aus über das Meer geschwommen oder haben die Zäune überklettert, um Ceuta zu erreichen – eine Stadt mit 84’000 Einwohnern. Mindestens 57 sind ertrunken. Und ausgerechnet dort wird jetzt das Brot knapp: Läden haben zu, das Stadtfest ist abgesagt. Der spanische Regierungschef spricht von einem “Angriff” auf Spanien – Bilder, die politisch benutzt werden, um die Erzählung von einer Invasion zu befeuern. Es geht mir jetzt nicht darum, ob das eine inszenierte Aktion war, die mit Hoffnungen der Menschen gespielt hat. Es geht mir auch nicht um Konzepte zur Migration.
Der Reflex der Jünger ist unser Reflex: Schickt sie weg, wir können nicht alle durchfüttern. Und ehrlich – das ist ja nicht einfach falsch. 84’000 Einwohner können nicht über Nacht 60’000 Menschen versorgen. Jesus verurteilt die Jünger nicht für ihre Rechnung. Aber er verurteilt auch die Menge nicht – er sieht sie nicht als Bedrohung, sondern als Menschen mit einem Bedürfnis: Hunger.
Was Jesus verweigert, ist nicht die Vernunft. Es ist die Entmenschlichung: Die Menge wird bei ihm nie zur “Masse”, nie zur Gefahr, nie zum Feind. Sie bleiben Menschen, die man satt machen soll.
Eine fertige politische Lösung habe ich nicht – Grenzpolitik lässt sich nicht mit einem Bibeltext dekretieren. Aber eines sagt der Text klar: Wegschauen und abschotten funktioniert auf Dauer nicht, und es wäre naiv, die eigene Überforderung zu leugnen. Es braucht beides: den Mut, den eigenen Mangel ernst zu nehmen – und den Mut, trotzdem nach Perspektiven für eine gerechtere Welt zu suchen, die mehr Menschen eine Lebensmöglichkeit gibt. Teilen ist kein Almosen, das übrigbleibt, sondern mutig und kreativ – es sucht Möglichkeiten, wo die Rechnung längst auf null steht.
Alice hatte kein gültiges Billet, kein gutes Argument in der Hand. Sie hatte nur mich – jemand, der sagte: Sie gehört zu mir. Mehr ist es manchmal nicht. Kein Masterplan, keine Lösung für die grosse Not der Welt. Nur der Mut, in diesem einen Moment die Logik des Wegschickens zu durchbrechen und zu sagen: Diese Person gehört dazu.
Fünf Brote, zwei Fische, eine Zugfahrt, ein Zwinkern. Es reicht öfter, als wir denken – wenn wir anfangen zu teilen, statt zu rechnen, wer es sich noch verdient hat.
Amen.

Pfarrer Uwe Hayno Klaas Tatjes, St.Antoni