Predigt über 2 Kor 5,20 und Joh 17, 15-23 im Gottesdienst am 20. September 2026 (Eidgenössischer Dank-, Buss- und Betttag)
Liebe Gemeinde,
Ich erinnere mich an zwei Situationen aus meinem eigenen Leben, die mir zeigen, was es heisst, abseits zu stehen – und was es heisst, es nicht zu tun.
Vor vielen Jahren fuhr ich in Hamburg mit der S-Bahn. Einige junge Männer belästigten eine junge Frau, der das sichtlich unangenehm war. Der Wagen war voll besetzt, es konnte niemandem entgehen – aber niemand reagierte. Ich schaute mich um. Schliesslich stand ich auf und fragte die jungen Männer: „Entschuldigung, kennen Sie die junge Dame?“ Zuerst keine Reaktion. Ich fragte noch einmal. Einer drehte sich zu mir: „Was geht dich das an?“ – „Es geht mich etwas an, weil es der jungen Dame offensichtlich unangenehm ist.“ – „Sollen wir uns um dich auch noch kümmern?“ – „Das wird nicht nötig sein“, sagte ich, und zeigte auf zwei Männer in der Nähe, „denn dieser Herr hier und auch dieser Herr sehen das genauso.“ Ich sprach sie direkt an: „Sie sehen das doch auch so?“ Sie zögerten kurz – dann sagten sie: „Ja, warum lassen die die junge Frau nicht einfach in Frieden?“ Und da liessen die jungen Männer tatsächlich von ihr ab und verschwanden aus dem Abteil.
Die andere Geschichte ist älter und schmerzhafter. In der fünften Klasse litt ich unter einem Schläger, der viele quälte, mich aber besonders oft herauspickte. Eines Tages hatte ich genug und wehrte mich – griff ihn an, drückte ihn zu Boden, fixierte seine Arme. Für einmal bekam er die Ohrfeigen. Dann aber gelang es ihm, meine Hand zu fassen und so hart zu beissen, dass ich von ihm abliess. Was danach kam, war schlimmer als alles zuvor. Er verprügelte mich nach Strich und Faden. Meine Kleider waren zerrissen, ich blutete. Die anderen Mitschüler standen im Kreis – manche gehässig, die meisten gleichgültig. Auch die Lehrerin sagte nichts zur Sache, schalt mich nur wegen der zerrissenen Kleider und schickte mich unter Gelächter der Klasse hinaus, um mich zu waschen. Am schlimmsten war für mich nicht die Prügel und nicht die erneute Niederlage – wenigstens hatte ich mich einmal gewehrt. Am schlimmsten war, dass keiner etwas sagte. Manche feuerten den Schläger sogar an.
Zwei Situationen, äusserlich ähnlich – Menschen, die zusehen, während einem anderen Unrecht geschieht. Aber der Ausgang ist verschieden, und ich glaube, der Unterschied liegt genau da, wo unsere Zumutung liegt. In der S-Bahn habe ich nicht befohlen und nicht moralisch gepredigt. Ich habe gefragt. Und ich habe andere gefragt, ob sie sehen, was ich sehe. Das war keine Autorität von oben – es war eine Bitte, sich zu positionieren, ohne die Antwort vorzuschreiben. Und diese Bitte hat andere dazu gebracht, nicht länger abseits zu stehen, ohne dass ein einziger Schlag fiel. Im Schulhof dagegen war ich allein. Ich habe mich physisch gewehrt – verständlich, aber es hat nichts gelöst, ausser dass die Gewalt zurückkam, verstärkt. Was mir gefehlt hat, war nicht mehr Kraft. Es war jemand, der das tat, was die beiden Herren in der S-Bahn taten: nicht abseits stehen, sondern mit mir zu sehen, mit mit mir etwas zu sagen, sich mit hineinnehmen lassen.
Genau das, glaube ich, ist die Zumutung, von der das Evangelium spricht. Sie besteht nicht darin, die Welt sich selbst zu überlassen, dem Unrecht seinen Lauf zu lassen. Aber sie besteht auch nicht darin, mit autoritären oder moralischen Forderungen ein Paradies auf Erden erzwingen zu wollen. Sie besteht darin, in aller Widersprüchlichkeit und Schwäche in der Welt zu bleiben – so, wie Gott selber Mensch wird und sich hineinbeugt in das Leid und das Unrecht der Welt – und den neuen Menschen zu bezeugen, den Christus repräsentiert. Dieser Mensch ist nicht perfekt. Er muss um Lösungen ringen, er kann auch scheitern wie ich im Schulhof. Aber er steht nicht abseits.
Genau das hören wir auch aus dem Mund dessen, um den es heute geht. Wie wir gerade bei der Lesung von Stefan gehört haben: Jesus betet für seine Jünger, und er bittet nicht darum, dass der Vater sie aus der Welt herausnimmt. „Ich bitte nicht, dass du sie aus der Welt nimmst, sondern dass du sie bewahrst vor dem Bösen.“ Sie gehören nicht der Welt, wie sie ist – und trotzdem werden sie nicht herausgezogen, sondern hineingeschickt: „Wie du mich gesandt hast in die Welt, so sende ich sie auch in die Welt.“ Kein Rückzug ins Sichere, kein Beobachterposten am Rand. Mitten hinein.
Und wie geschieht das? Nicht als Befehl von oben. Paulus findet dafür ein eigenartiges Wort, wenn er von der Versöhnung spricht, die Gott den Menschen anbietet: „So bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott.“ (2 Kor 5,20)An Christi statt, das heisst: so, wie Christus selbst nicht über den Menschen steht, sondern sich zu ihnen herabbeugt, ja am Kreuz gebrochen wird und um sie wirbt. Es ist derselbe Ton, den ich in der S-Bahn gefunden habe, ohne gross darüber nachzudenken: nicht „Hört auf damit!“, sondern „Sehen Sie das auch so?“ – eine Frage, die niemanden zwingt, aber niemanden mehr in Ruhe lässt, der sie gehört hat. Das ist die Gestalt, in der der Glaube in die Welt tritt: bittend, nicht herrschend.
Er mutet uns aber etwas zu: einen Perspektivwechsel. Die Welt mit den Augen derer zu sehen, die am Rande stehen, die leiden, die ohnmächtig sind. Der, der da bittet, Christus, hat all das am eigenen Leib erfahren. Wenn du die Welt mit den Augen der Opfer siehst – möchtest du, dass das immer so weitergeht? Oder kannst du dich auf die Perspektive dessen einlassen, der nicht nur die Verwundeten verbindet, die das ewige Rad der Gewalt niederwalzt, sondern ihm selbst in die Speichen fällt – der die Sachzwänge von Vergeltung und Rache nicht akzeptiert, sondern überwindet? Der der Vergeltung Liebe und Vergebung entgegenstellt? Der verurteilte Richter, der der Liebe zum Recht verhilft. Im Kleinen kenne ich das auch – aus dem Schulhof: Meine eigene Gegenwehr liess das Rad nur schneller drehen. Gebraucht hätte es jemanden, der es anhielt, indem er nicht länger zusah.
In den Konflikten und Entscheidungen dieser Welt tritt Christus dazwischen – nicht mit Macht, sondern bittend. Und diese bittende Gestalt hat ihren Grund im Kreuz selbst. Dietrich Bonhoeffer hat es so gesagt: „Gott lässt sich aus der Welt herausdrängen ans Kreuz, Gott ist ohnmächtig und schwach in der Welt und gerade und nur so ist er bei uns und hilft uns.“ Das Hinausdrängen wird zum Eintreten. Der Ausgeschlossene wird zu dem, der mitten hineinsteht in diese Welt, ihre Widersprüche aushält und heilt.
Der Text, den Stefan vorhin gelesen hat, trägt das schon in sich. „Vater, die Stunde ist gekommen“, betet Jesus – und diese Stunde, von der Johannes immer wieder spricht, ist die Stunde des Kreuzes. Erhöht werden heisst bei Johannes beides zugleich: ans Kreuz gehoben werden und zur Herrlichkeit erhöht werden. Und über diesem Gekreuzigten steht, was Pilatus aus Spott hinschreiben liess und dann nicht mehr zurücknehmen wollte: INRI – Jesus von Nazareth, der König der Juden. „Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.“ Gedacht als Hohn, wird es zur Wahrheit: Die Machtverhältnisse stehen Kopf. Der Gekreuzigte ist der König – nicht obwohl, sondern weil er sich hat hinausdrängen lassen, ohnmächtig, bittend, mitten in die Welt hinein.
Was heisst das für uns, hier, in dieser Woche? Wir werden vielleicht auch mit Situationen konfrontiert, in denen es genau darum geht: abseits stehen oder dazwischentreten. Wir müssen uns entscheiden, wo wir stehen wollen. Niemand von uns wird dabei zum Richter über andere. Aber jede und jeder kann fragen, so wie ich es in der S-Bahn gefragt habe: Siehst du das auch so? Und jede und jeder kann sich fragen, mit wessen Augen sie oder er gerade auf die Welt schaut – mit den Augen derer, die profitieren, oder mit den Augen derer, die leiden. Mehr verlangt die Zumutung des Evangeliums nicht von uns. Aber auch nicht weniger.
Amen
(Pfarrer Uwe Hayno Klaas Tatjes)